CHARLOTTE KUNSTMANN

Schriftstellerin 





Waldtraum


(…) Es gibt tausendundeine Nuance von Grün- und nie ist sie hässlich. Die Schönste davon, so meine Mutter, ist jedoch die Variante des Frühlings, wenn die allerersten Blätter des Jahres sich langsam aus den Knospen der Bäume pulen und einen neuen Sommer verkünden. Es ist ein ganz zartes, noch vorsichtiges und helles Grün, dass sich im Laufe der nächsten Wochen immer weiter verdunkeln wird.

Als Kind hatte ich häufig denselben Traum. Ich träume stets sehr heftig und real. Aus meinen Träumen kann ich lernen und sie genauestens wiedergeben. Dieser eine Kindheitstraum spielte sich im Wald ab. Ich renne jemandem hinterher, ohne genau zu wissen wem. Ich muss die Person vor etwas warnen und so renne ich um mein kleines Kinderleben in den dunkelgrünen Wald. Einen sandigen Weg entlang, durch Brombeerbüsche und über eine hohe Wiese. Das nasse Gras klatscht mir beim Laufen an die nackten Beine. Ich renne außer Atem einen sandigen, mir unbekannten Weg entlang, der von der Wiese abgeht und laufe in den tiefen Buchenwald hinein. Ganz plötzlich stehe ich auf einer großen Lichtung, schwere nasse Tannen säumen den Rand. Ganz hinten zwischen den bläulich grünen Ästen hindurch, kann ich einen Hirsch entdecken. Er schaut mich an, als hätte er auf mich gewartet, dreht sich um und verschwindet zwischen den Fichten. Ich habe keine Angst mehr, werde ganz ruhig und erwache.

Noch einige Tage später konnte ich mich genau an den Waldweg im Traum erinnern und so stiefelte ich los. Bewaffnet mit einem Seil, mit Opas silbernem Taschenmesser und stets in Begleitung meines Dackels Imo und meines Katers Max natürlich. Man weiß ja nie so genau. Ich fand die Brombeerbüsche und den kleinen Pfad und kam tatsächlich auf eine Lichtung. Es hatte geregnet und im Herbstlicht schimmerte das Laub gelbgolden und einige Tropfen fielen mir platschend auf meine rote Aldi-Jacke. Dort, wo im Traum mir der Hirsch erschien, stand ein Hochsitz. Das war ein Zeichen, ich war mir sicher. Es war der höchste, den ich je zuvor gesehen hatte. Ich nahm all meinen Mut zusammen, band Dackel Imo mit dem Seil an die Leiter, bat ihn anzuschlagen, falls jemand oder etwas kam, nahm den kleinen Kater unter den Arm und erklomm langsam den Hochsitz. Mein Vater hatte mir schon früh beigebracht immer nur nach oben, nie nach unten zu schauen. Das Ziel, so hatte er gesagt, müsse stets vor Augen gehalten werden, so bliebe es erreichbar. Auch hatte er mir beigebracht, dass der Sprung von einem Dreimeterbrett im Freibad, eigentlich für den Kopf ein vier Meter Sprung sei, da dieser ja die Körperlänge ungewollt miteinrechnete. Der Hochsitz war ein gefühltes Zehn- Meterbrett und ich musste kräftig den Schwindel runterschlucken, um ihn einarmig zu erklimmen. Max war das Ganze auch nicht so geheuer und mauzte und  ich stopfte ihn vorne in die Tasche meiner Latzhose, sodass er sich an meinem Pulli festkrallen konnte. Ich erinnere mich bis heute, wie die vorletzte Stufe krachte, sie mein Gewicht nicht hielt und Max im hohen Bogen aus meiner Jacke sprang. Zum Glück, so dachte ich noch, landen alle Katzen immer auf den Pfoten, auch wenn sie mal vom Heuschober fallen. Auch das hatte mir mein Vater erklärt. Mit letzter Kraft zog ich mich also nach oben in den Sitz, trat mit meinen Gummistiefel, um mich und fand Halt am Rande der zerbrochenen Stufe. Oben wurde mir schwindelig vor Glück und Stolz. Ich hatte meinen Geheimplatz aus dem Traum gefunden und ihn ganz alleine erklommen. Der Jägersitz war vor langer Zeit an zwei alte Tannen befestigt worden, die seicht im Wind schaukelten und das Schwanken kribbelte leicht im Bauch. Der Wind rauschte in ihren tiefgrünen Kronen und ich hörte, wie sie mir eine Geschichte über diesen Ort erzählen wollten. Plötzlich hörte ich ein Knacken im Unterholz und wie Imo von unten anfing zu bellen. Ich wand meinen Blick von ihm ab und sah gerade noch ein Geweih zwischen den triefenden Tannen verschwinden.