CHARLOTTE KUNSTMANN

Schriftstellerin 





Silvester


„Wie letztes Jahr?“, frage ich. „Ja, genau so wie letztes Jahr, bei Nils und mir. Ab acht. Hannes und Maja kommen auch wieder“, sagt Tanja an der anderen Seite der Leitung. „Dann besorg ich wieder Partyhüte. Die kamen gut an letztes Mal.“

„Du, mein Fräulein besorgst uns gar nichts mehr. Das endet nur wieder in einer Vollkatastrophe. Du kommst einfach und packst dich und gute Laune ein.“

„Stimmt doch gar nicht“, ich will meiner ältesten Freundin widersprechen.

„Doch Ella, du hast Einkaufverbot. Jedes Mal, wenn du für eines unserer Feste einkaufen gehst, kommst du mit einer 350€ Rechnung ins Haus und tausend Dingen, die kein Mensch braucht, die wir dann am Ende alle wieder schön unter uns aufteilen dürfen.“

„Aber, jetzt warte mal,“ ich gebe mich nicht geschlagen und denke an die vielen Geburtstage und die Silvesterpartys, die wir schon gemeinsam gefeiert hatten und die tollen Cocktails und das Tischfeuerwerk, das am Ende alle entzückt genossen, die acht Sorten Käse für’s Raclette 2016 und eben die Tröten und Partyhüte im letzten Jahr. Nie hatte sich jemand beschwert- im Gegenteil. Alle waren begeistert gewesen, nahezu glücklich gewesen. Es gab leuchtende Augen und Himbeeren im Prosecco und immer hatten alle mich am Ende gelobt. Oh, der, wie heißt er noch gleich? Ja, der Appenzeller mit Orangenblüten und Wildkräuter, himmlisch. Der Camembert mit Cayennepeffer passt aber gut zum Jamón Serrano. Und die Schweine essen wirklich nur Eicheln? Unglaublich. Könnte ich noch einen Partyhut haben? Nein, nicht den, den Blauen da, bitte. Danke schön Ella. - Bitteschön! Gern geschehen.

Ich schüttle den Kopf: „Tanja, meinst du nicht, dass du etwas übertreibst?“, frage ich.

„Ich? Ich übertreibe? Ne, mein Schatz. Du meine Liebe bist die Übertreibung in Person. Quasi eine lebende Hyperbel.“

„Aua!“, sage ich und fasse mir aus Reflex an den Bauch, da wo man normalerweise Bauchschmerzen bekommt. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, nicht für die anstehende Fete einkaufen zu gehen.

Wie wäre das denn, ein Silvester ohne Bleigießen und ohne Partyhüte?! Das wäre ja quasi gar kein Silvester mehr. Nur ein gemeinsames Racletteessen, mit denselben Nasen wie letztes Jahr und dem davor, und dem davor- ach nein, da war mein Ex noch dabei und meine Schwester zu Besuch.

„Und“, würde ich Nils dann wieder fragen, während die Kartoffeln kochten: „wie läuft‘s in der Werkstatt? Alles schick?“

„Gut, gut. Läuft.“, würde Nils antworten und zack, wären wir am Ende unseres Gesprächs angekommen.

„Und sonst so? Die Familie?“, würde ich vielleicht nochmal nachfragen. „Ja, ach, alles gut soweit“, würde er vielleicht noch das Gesagte ergänzen.

Das geht nicht. Das schaffe ich nicht mehr, einen ganzen Abend lang. Es wird immer schwieriger. Ich bin daheim untergegangen und das Studium in der Großstadt war mein Rettungsring. Ein Master im Ausland folgte, zwei Affären, eine Beziehung mit einem verheirateten Mann, die mich fast zerriss und schließlich mein Trainee in Berlin in einem multikulturellen Medienkonzern. Ich blieb in Berlin, war verloren, aber nie einsam. Ich war irgendwie zu groß für meinen Heimatort geworden. Nach zwei Tagen Landluft bekomme ich Atemnot und suche Platz in der stets überfüllten Dorfkneipe. Aber mein Wortschatz war ihnen dort zu verdenglisht. Meine Witze hatten nichts mehr mit den drei armenischen und den raubenden polnischen Nachbarn zu tun. Ich empfahl meinen Trinkkumpanen und Schulfreunden dann den Koreaner in meinem Kiez und erzählte betrunken gern von meinen durchzechten Nächten mit meinen Freunden in London. Sie nickten und lachten, doch ich sah es, sie verstanden nicht warum man Fleisch in einer sauren Sojasoße einlegen muss, bevor man es grillt und es anschließend mit Stäbchen isst. Nur auf das heimatliche Bier ließ ich nichts kommen. Unschlagbar. Man war sich einig und fand spätestens beim nächsten Zuprosten wieder zusammen.

Ohne Partyhüte und Feuerwerk bei Nils und Tanja, da käme dann die Wahrheit auf den Tisch. Sie lag ja bereits da im letzten Jahr und vielleicht auch in dem davor. Denn sobald meine Grundschulfreunde, deren Begleitungen und ich alle ihre Beine unter einen Tisch steckten, dann lauerte sie da und versuchte jedes Mal heimtückisch hervor zu kriechen. Sie war gerissen, schleimig und gemein und sie wollte mich entlarven, meinen Hohn und Spott über diese wunderbaren Kleingeister freilegen. Sie wollte meine Maskerade abreißen, mich arrogant-allwissend und überheblich dasitzen lassen. Doch das ging nicht. Das war seit Jahren so und durfte nicht geändert werden. Doch warum das alles? Was war es nur, dass Tanja, Nils und die anderen mit mir verbanden?

Die Antwort hieß wohl Zeit. Es war die gemeinsame Vergangenheit, die die Risse zwischen uns zu kitten versuchte. Und Zeit schafft Vertrauen, zwangsläufig dachte ich immer. Wem kannst du schon groß vertrauen, in einer Stadt, in der dein Date bereits am nächsten Tag deinen Name vergessen hat? Ich konnte und werde Tanja vertrauen können, sie Tag und Nacht anrufen und ihr meinen Erste -Welt -Schmerz erzählen können. Sie würde mich vielleicht nicht verstehen, aber sie wäre da und würde nicken oder auch einfach nur mit den Schultern zucken und sagen; „Tja, dann ist das eben so.“- und dann war das eben genau so. Aber dann wäre es gut, denn es würde jemand sagen, der mir Aspirin mit dem Fahrrad aus der Apotheke im Nachbarort holte, als ich meinen ersten Kater hatte und mir beim Kotzen die Haare hielt.

Halt. Ja das ist es wohl auch. Sie alle geben mir mit ihrer Routine Halt, da wo mein Leben ständig vom Gleis abkommt. Und gleichzeitig langweilen sie mich damit, denn ihre konservative Denkweise engt mich ein. Meine „Mind-Box“ ist viel größer als die ihre. Da ist mehr Platz drin, aber man kann ihnen ja auch keine größere Box aufzwingen.

Daher der Einkauf zu Silvester. Ich bringe ihnen die Welt in einer unsichtbaren Box mit ins Dorf, in Jutebeutel und Einkaufstüten gepackt. Wie können all diese Erfahrungen eine Vollkatastrophe gewesen sein? Ich kratze mich am Kopf und wechsle den Hörer auf das andere Ohr.

„Tanja?“, ich unterbreche sie in ihrem Monolog über die Neugestaltung ihres Vorgartens. „Ja? Was ist denn?“

„Also, ich hatte da eine Idee. Wie wäre es denn, wenn ihr mal an Silvester zu mir kommt? Es gibt bestimmt genug Schlafplätze. Die anderen sind bestimmt alle in der Heimat.“

„Zu dir? In die WEEG EE?“

„Ja, ihr könnt ja das Raclette und was ihr haben möchtet mitbringen. Wie wäre das?“

Stille an der anderen Seite der Leitung, doch ich höre, wie es in Tanjas Box beginnt zu arbeiten, wie sie sortiert und überlegt und ich spüre ihr Unbehagen, bevor sie es ausspricht. (…)