CHARLOTTE KUNSTMANN

Schriftstellerin 







Kleines Rotes Meer
oder:
Du Lappen!


(…) Da saß ich unter der Dusche, als ich plötzlich meine Periode bekam. Ich heulte und heulte über meinen beschissen Job, über meine Krämpfe, meine neidischen Kollegen, meine zu teure Wohnung und meine Freundin Lena, die nun nicht mehr meine Freundin war und mein Blut vermischte sich mit dem Wasser-Seife-Gemisch in der Wanne und zog lange Bahnen nach sich. Als Du dann wenig später nach Hause kamst, hast Du mich im Bad weinen gehört. Du kamst ohne anzuklopfen hinein und zogst den Duschvorhang zur Seite. Wusch! Deine großen Augen, mit hochgezogenen Brauen, als Du mich unten in der Wanne gekauert fandst. Und dann, gleich danach, dein Gesichtsausdruck, als Du das Blut sahst - ich dachte, Du wärest besorgt. Vielleicht warst Du das auch, aber nur eine Sekunde, denn als Du verstandst, warum ich blutete, mischten sich Entsetzen mit purem Ekel.

Du bist aufgesprungen und hast über dem Klo gewürgt, als ob Du brechen müsstest. Drei Mal laut hast Du gewürgt - über mich! Ich kam gar nicht dazu, mich zu erklären oder dir zu erzählen, warum ich hier so elendig in meinem Selbstleid und meiner Verzweiflung saß. Ich hatte nie wegen dir gewürgt. Nicht über deine Fürze, dein Ohrenpopeln, dein Nasenhochziehen, oder beim Blasen. Letzteres hatte ich mir hart abtrainiert. Mit vierzehn und einer Karotte.

Du nahmst ein Stück Klopapier, wischtest dir deine Würgtränen aus den Augen und putztest dir die Nase. Du spültest dein Rotztuch im Klo runter und sahst mir nun wieder ins Gesicht, mit gekräuselter Nase.

„Alter, widerlich. Hier, steck‘ dir mal ne Bremse rein“, sagtest Du und warfst mir einen Tampon zu. Der o. b. schwamm oben auf meinem kleinen Roten Meer.

„Und der Rasierer da, der tut übrigens nicht weh. Ich mach dann mal Essen“, sagtest Du noch beim Hinausgehen und zogst die Badtür hinter dir zu. Mit dem Knall der Tür und dem Nachhall deiner Worte kam dann die Scham und ein riesen Gefühl von Schuld, dass sich auch mit Rasierschaum, Seife und Bodylotion nicht von meiner Haut lösen wollte. Ich putze nach meinem Makeover die Wanne mit Essigreiniger. Doch die Scham klebte an ihr und mir bis zum Ende unserer Beziehung. Sie ging nicht mehr weg.

Erst viel später habe ich verstanden, wie sehr Du mich verletzt hattest. Vielleicht hat dir deine Mama nicht beigebracht, dass Frauen an ihren Tagen verschieden stark bluten. Vielleicht hast Du nicht gewusst, wie dreckig es mir wirklich an diesem Tag ging. Vielleicht haben die blaue Periodenprodukt-Werbung, deine Pornos, deine Bücher oder deine Videospiele dir deine Wahrnehmung verklärt. Vielleicht wusstest Du es nicht besser. Vielleicht warst Du aber auch einfach ein Arsch. Aber ich bin mir ziemlich sicher; ohne Kotzkrampf hättest Du niemals die Geburt eines Kindes überstanden, Du Lappen.


*Dieser Text entstand in Kooperation mit dem “Zeit für Zorn” - Podcasts. Hier könnt ihr ihn anhören.*