CHARLOTTE KUNSTMANN

Schriftstellerin 







Kleines Rotes Meer
oder
Du Lappen!


(…) Da saß ich heulend unter der Dusche, als ich plötzlich meine Periode bekam. Ich heulte und heulte und mein Blut vermischte sich mit dem Wasser-Seife-Gemisch in der Wanne und zog lange Bahnen nach sich. Ich war heute direkt nach der Arbeit zu meinem Angiologen gefahren, der mir uncharmant verklickert hatte, dass ich nun doch für immer Blutverdünner nehmen müssen werde. Dass nun jede längere Reise, jedes lange Sitzen, jeder übermäßige Brokkoli-Verzehr problematisch für mich und meinen Gerinnungswert  sein könnte.

        „Und vergessen Sie nicht täglich ihre Strümpfe zu tragen.“, sagte er mir, als ich mir langsam meine Jacke wieder anzog, noch etwas verdattert von der neuen Erkenntnis. Mein Facharzt hatte sich auf meine Kompressionsstrümpfe bezogen, die ich in Gedanken schon lange meine „Arschlochstrümpfe“ getauft und natürlich ganz hinten in der Sockenschublade verstaut hatte.  „Ick meine, Sie wollen ja nicht mit vierzig solche Bene haben, wie die Patientin da draußen?“ Er lachte. Ich biss mir auf die Lippen und nickte. Sein gemeiner Vergleich bezog sich auf eine ältere Dame mit Krückstock in der Hand und Wassereinlagerungen in den Waden, die im Warteraum saß. Irgendwo hatte er ja Recht, versuchte ich mich zu beruhigen.

Ich fuhr mit dem Bus nach Hause und fuhr vorbei. Eine Station weiter stieg ich aus und lief über eine Querstraße zurück zu meinem Wohnhaus. Ich fühlte mich hundeelend. Mein Kopf dröhnte, mein Rücken schmerzte und ich wusste nicht wohin mit mir und meiner Diagnose. Die Wohnung war mir zu leise und Du auch noch nicht da. Du, mein Partner, der geliebte Mensch, mit dem ich nun am meisten hätte reden wollen. Also stellte ich mich unter die brausende Dusche; den Kopf freiduschen- manchmal klappte das.

Als Du dann wenig später nach Hause kamst, hast Du mich im Bad weinen gehört. Du kamst ohne anzuklopfen hinein und zogst den Duschvorhang zur Seite. Wusch. Deine großen Augen, mit hochgezogenen Brauen, als Du mich unten in der Wanne gekauert fandest, und dann gleich danach, dein Gesichtsausdruck, als Du das Blut sahst - ich dachte, Du wärst besorgt. Vielleicht warst Du das auch, aber nur eine Sekunde, denn als Du verstandst, warum ich blutete, mischten sich Entsetzen mit purem Ekel.
Du bist aufgesprungen und hast über dem Klo gewürgt, als ob Du brechen müsstest. Drei Mal laut hast Du gewürgt -  wegen mir! Ich kam gar nicht dazu, mich zu erklären oder dir zu erzählen, warum ich hier so elendig in meinem Selbstleid und meiner Verzweiflung saß. Ich  hatte nie wegen dir gewürgt. Nicht über deine Fürze,  dein Ohrenpopeln, dein Nasehochziehen, oder beim Blasen. Letzteres hatte ich mir hart abtrainiert. Mit vierzehn und einer Karotte.

Du nahmst ein Stück Klopapier, wischtest dir deine Würgtränen aus den Augen und putztest dir die Nase. Du spültest dein Rotztuch im Klo runter und sahst mir nun wieder ins Gesicht, mit gekräuselter Nase.

      „Alter, widerlich. Hier, steck‘ dir mal ´ne Bremse rein“, sagtest Du und warfst mir einen Tampon zu.
Der o. b. schwamm oben auf meinem kleinen Roten Meer.  „Und der Rasierer tut übrigens nicht weh. Ich mach dann mal Essen.“, sagtest Du noch beim Hinausgehen und zogst die Badtür hinter dir zu. Mit dem Knall der Tür und dem Nachhall deiner Worte kam dann die Scham und ein riesen Gefühl von Schuld, dass sich auch mit Rasierschaum, Seife und Bodylotion nicht von meiner Haut lösen wollte. Ich putze nach meinem Makeover die Wanne mit Essigreiniger. Doch die Scham klebte an ihr und mir bis zum Ende unserer Beziehung. Sie ging nicht mehr weg.

Erst viel später habe ich verstanden, wie sehr Du mich verletzt hattest. Vielleicht hat dir deine Mama nicht beigebracht, dass Frauen an ihren Tagen verschieden stark bluten. Vielleicht hast Du nicht gewusst, was es tatsächlich bedeutet,  als ich dir erklärte, was Blutverdünner sind. Vielleicht haben die blaue Periodenprodukt-Werbung, deine Pornos, deine Bücher, deine Videospiele dir deine Wahrnehmung verklärt. Vielleicht wusstest Du es nicht besser. Vielleicht warst Du aber auch einfach ein Arsch.  
Aber ich bin mir ziemlich sicher; ohne Kotzkrampf hättest Du niemals die Geburt eines Kindes überstanden, Du Lappen.


*Dieser Text entstand in Kooperation mit dem “Zeit für Zorn” - Podcasts. Hier könnt ihr ihn anhören.*