CHARLOTTE KUNSTMANN

Schriftstellerin 






Erdbeer - Rhabarber - Marmelade



(...) Wenn ich an unsere Freundschaft denke, dann schmeckt das nach zahlreichen Balkonabenden in Lichtenberg und der Erdbeer-Rhabarber Marmelade, die du mir immer im Mai kochtest. Die war süß und klebrig. Aber sie hatte auch den feinen, bitteren Nachgeschmack von Aperol, der Freitagabende, die das Ende einer Arbeitswoche und den Beginn eines großartigen Wochenendes markierten.

Ich liebte diese Freitage. Wir tranken zu zweit den Prosecco leer, lutschten am Ende auf der vollgesogenen Orange herum, drehten Pirouetten in unseren endlosen Gesprächen und sahen die Sonne hinterm Fernsehturm untergehen. In bizarren orange-blauen Farben; kein Baumarkt könnte diese anbieten. „Plattenblauromantikrot“ nannten wir es und du lachtest über einen meiner blöden Witze und zogst noch einmal an deiner Zigarette, bevor du sie dem Nachbarn auf den Balkon warfst.

Wenn ich das Glas von dir bekam, markierte dies meinen unsichtbaren Sommerbeginn, der mich gleichzeitig traurig stimmte, denn ich wusste, wenn das Glas leer war, dann war es der Sommer auch. Also aß ich sie langsam, nur jeden zweiten Tag ein Marmeladenbrot. Doch war ich zu langsam, verdarb sie. Ein geliebter Balanceakt, jeden Sommer aufs Neue. (...)