CHARLOTTE KUNSTMANN

Schriftstellerin 





Du


(…) Manchmal, da denke ich, du siehst mich nicht nur an, sondern du siehst in mich und alles was war und was ist. Dann staune ich darüber, was du alles ohne Worte von mir weißt und dass mein Vertrauen zu dir mir keine Angst bereitet. Aber es schmerzt irgendwie auch, denn es ist nicht für immer, denn nur dieser eine Augenblick und du erinnerst mich daran, wie glücklich ich mal gewesen bin und wie unfassbar groß meine Sorge ist, es nie wieder zu sein. Ich bekomme keine Luft und weiß nicht wo vorne ist, unten und oben. Vergangenheit und Zukunft beginnen sich zu drehen, aber an dir kann ich mich nicht fesrhalten, denn es ist nur der Moment, ein Blick, eine bekannte Geste, die mir einst ein Zuhause waren. (…)

Es war Mittwochabend an der Tramhaltestelle Eberswalder Straße, da sah ich dich dann nach einem halben Jahr wieder. Du auf der anderen Straßenseite, ich im gläsernen, mit Werbung beklebten Wartesaal.

Ich schaute nur zufällig von meinem Handy auf die Abfahrtsanzeige hinter mir und hätte nicht gedacht, dass ein Zufall so wehtun kann. Er hielt dein Rad mit einer Hand, die deine lag auf seiner. Das Rad keine Barriere, eher ein metallenes Verbindungsglied auf Rädern. Ihr ward so innig in euch vertieft, dass ihr nicht merktet wie ich euch anstarrte. Das muss man doch merken, hatte ich noch gedacht, wenn jemand so starrt. Doch um eure kleine Fahrradwelt war eine unsichtbares Schutzschild, das alles und jeden abwehrte. Du fasstest ihn kurz am Arm an und verlagertest das Gewicht auf die andere Seite, ihm entgegen. Mein Handy wurde mir zu schwer in meiner linken Hand. Ich ließ es sinken, denn da warst du ja, analog und in Farbe und nicht verkrampft posierend glücklich wirkend auf einem deiner Instaposts.

Er sagte etwas und strich dir eine Strähne aus der Stirn. Zwei Mal, so als würde sie stören, dabei war sie dir perfekt aus dem Zopf gefallen. Dann dein Lachen über das Gesagte, deine gekräuselte Nase, deine Sommersprossen. Ich sah sie wieder, jede Einzelne, als wäre ich er.

Du warfst beim Lachen leicht den Kopf nach hinten und dann nach vorne und blicktest, als wärest du plötzlich schüchtern auf den Boden. Deine Hand hielt nun den Sattel, die andere am Lenker. Er nahm deinen Kopf in seine viel zu großen Hände, grinste noch über seinen Witz, schloss dann die Augen und gab dir mit einer maßlosen Selbstverständlichkeit einen langen Kuss auf deine Stirn. So wie Väter es manchmal tun, wenn sie sagen wollen, dass alles gut wird, aber eben ohne es auszusprechen. Es ist Okay sagt dieser Kuss. Du bist hier sicher, ich halte dich, lass mal los. Das Vertrauen, das diese Geste beinhaltet ist nicht käuflich. Es ist ein ungreifbares Geschenk, dessen Wert man erst zu schätzen weiß, wenn es verloren ist.

Du hattest mir nicht vertrauen können, dich getrennt, noch bevor ich dir beweisen konnte, dass es sich lohnen kann loszulassen und abzugeben.  Ich konnte dein Gesicht in seinen Händen nicht sehen, aber ich fühlte deine weichen Haare auf meinen Lippen, konnte es wieder riechen und da kam der Neid und dann die Tram.