CHARLOTTE KUNSTMANN

Schriftstellerin 





Der Wandermönch


Vor dem Einkaufszentrum sprach mich jemand von hinten an: „Hola, Hallo.“ Ich lächelte und nahm das Buch einfach, das er mir in die Hand drückte. Ich sah, wie die Anzeigetafel blinkte. Meine Tram würde gleich kommen und ich musste nach Hause, kochen und endlich etwas essen. Ich wollte das Geschenk einfach nehmen und gehen, doch der Mann hielt das Buch stattdessen fest und so musste ich stehen bleiben.

„Hallo“, sagte der junge Mann wieder und ich sah ihn diesmal richtig an. „Ich bin der Wandermönch.“, stellte er sich vor, als müsse man ihn kennen. „Ich schenke dir dieses Buch, aber dafür musst du mir etwas geben.“ Erst jetzt sah ich, dass er barfuß war. Es hatte geregnet und seine Locken klebten ihm in der Stirn.

„Oh, äh, ich habe gar nichts bei mir.“, log ich und sah zum ersten Mal auf den Titel des Buches. „Lebe vegan“ stand da, in grünen und roten Lettern.

„Oh, und ich bin leider auch gar keine Veganerin“, sagte ich. „Vielleicht gibst du das Buch besser wem anders?“ Meine Tram hielt neben uns. Einige Menschen stiegen aus, viele ein. Wir hielten immer noch beide dasselbe Ernährungsbuch fest.

„Du kannst es haben, ich schenke es dir. Aber du musst mir irgendetwas von dir geben. Es kann auch von Herzen sein.“

Die Tram fuhr an und an uns vorbei und ich fluchte innerlich etwas und ließ das Buch los. Ich wühlte in meiner Jackentasche und fand nichts, dass mir irgendwie mönchsgerecht oder auch nur annähernd von Herzen erschien.

„Also, ich habe glaube nichts Passendes“, murmelte ich in den Mantelkragen.

„Egal was, aber von Herzen muss es sein“, antwortete der junge Wandermönch und lächelte geduldig. Er hatte schöne, braune Augen und ich fühlte mich unwohl, da wohl lange jemand Fremdes mir nicht mehr so offen ins Gesicht gesehen hatte. Ich zuckte mit den Schultern und gab ihm meine angefangene Packung Eco-Taschentücher aus meiner Jackentasche.

„Ist eher was für die Nase, als fürs Herz“, sagte ich und gab sie ihm. Ich wollte gehen, doch er hielt mich abermals auf.

„Dein Buch?“

„Danke, aber gib es wirklich jemanden, der Nutzen davon hat“, sagte ich und ging der nächsten sich nähernden Tram entgegen. (...)